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Die Meinungsmacher: Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat gestern seine neue Studie “Land mit Aussicht” vorgestellt. Mit seinen Studien erreicht das Berlin-Institut eine hohe Medienpräsenz bis in die ARD Tagesschau.  Dabei umgibt sich das private Institut gerne mit der Aura einer unabhängigen wissenschaftlichen Einrichtung.  Wer aber ist eigentlich das Berlin-Institut?

“Land mit Aussicht” verspricht die neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Gefunden haben es die beiden Autorinnen der Studie, Marie-Luise Glander und  Iris Hoßmann,  im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen.

Während in den meisten ländlichen Regionen “Land unter” angesagt ist, scheint im Oldenburger Münsterland die Welt noch in Ordnung:  Geburtenüberschuss, Zuwanderung, Wirtschaftswachstum. Die Frage liegt also nahe: Was lässt sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen?

Nun, die Ergebnisse und Antworten der Studie klingen zunächst plausibel. Die Studie ist nach allen PR-Regeln verständlich und anschaulich mit vielen Grafiken aufbereitet. Kein Forschungsbericht kann da mithalten. Aber schließlich – so kann man auf der Homepage lesen – ist es das Ziel des Berlin-Instituts, “die öffentliche Wahrnehmung der weltweiten demographischen Veränderungen zu verbessern.”

Strategische PR statt Wissenschaft

Da aber liegt der Haken. Denn das Berlin-Institut umgibt sich mit der Aura eines unabhängigen wissenschaftlichen Instituts. Seltsam nur: Unter den acht Mitarbeitern findet sich nicht ein ausgewiesener Demograf.

Instituts-Leiter Reiner Klingholz, in den Medien oft großzügig als Bevölkerungs-wissenschaftler gehandelt, kommt noch nicht einmal aus den Sozialwissenschaften. Der 54-Jährige studierte Chemie und promovierte über makromolekulare DNS-Strukturen. Später arbeitete Klingholz als Wissenschaftsredakteur der ZEIT und Redaktionsleiter von GEO-Wissen. 1999 erhielt er den RWTH-Preis für Wissenschaftsjournalismus.

Das Berlin-Institut ist auch nicht an die herrschenden Ausschreibungs- und Projektanforderungen des Wissenschaftssystems gebunden. Das Startkapital des im Jahr 2000 gegründeten Instituts kam von der weithin unbekannten Falk- und Marlene-Reichenbach-Stiftung. Institutionell wird das Institut von der William and Flora Hewlett Foundation gefördert – mit einem Kapital von 6,7 Milliarden Dollar  eine der größten Privatstiftungen der USA.

Zu den weiteren Geldgebern des Berlin-Instituts gehören unter anderen die Robert Bosch Stiftung, die Vodafone Stiftung Deutschland, die DKV, die Münchener Rück Stiftung und die BMW Stiftung Herbert Quandt. Die aktuelle Studie “Land mit Aussicht” wurde von der Gerda Henkel Stiftung und der HeidelbergCement AG finanziert.

Im Jahr 2007 gehörte das Berlin-Institut zu den Nominierten für den Kommunikationspreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen in der Kategorie “Strategische Projekt-PR”. „Wir verfolgen einen fast journalistischen Ansatz zur Wissensvermittlung“, sagte Reiner Klingholz damals im Magazin Die Stiftung. „Wir kommen gut auf den Punkt, und wir halten uns nicht mit politischen Empfehlungen zurück. Sonst sind Wissenschaftler da eher zurückhaltender.“

Demografisierung der Gesellschaft

Zurückhaltend ist das Berlin-Institut nun ganz und gar nicht. Im Jahr 2006 machte ein Satz aus der Studie „Die demografische Lage der Nation – Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen?“ als dpa-Meldung die Runde. Deutschland habe weltweit mit der niedrigsten Geburtenrate zu kämpfen. Ein Blick ins Statistische Jahrbuch hätte gereicht, diese Behauptung als Ente zu entlarven. Allein in Europa haben zehn Staaten eine niedrigere Geburtenrate. Doch die Medien titelten mit der falschen Meldung.

Statistiker wie Gerd Bosbach schüttelten mit dem Kopf. Dem Team um Reiner Klingholz trieb es deswegen aber nicht die Schamesröte ins Gesicht. „Die umfangreiche Medienberichterstattung, die gute Nutzung der Homepage und die vielen Anfragen nach Vorträgen zeigen: Das Konzept funktioniert“, sagte Klingholz hinterher.

Die Studien des Berlin-Instituts erreichen immer wieder eine hohe Medienpräsenz bis in die ARD Tagesschau und auf die GEO Titelseite. Das Erfolgsrezept gründet auf zwei Herangehensweisen: Das Berlin-Institut bedient  mit seinen Studien zum einen den politischen Trend zur Demografisierung sozialer Probleme. Dabei erscheint die Demografie als Basis der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Perspektive. Und nicht umgekehrt.

Zum anderen nimmt das Berlin-Institut Bewertungen mittels regionalisierter Ranglisten vor und inszeniert einen Bevölkerungswettbewerb.  In den Studien “Die demografische Lage der Nation”  und “Die demografische Zukunft von Europa” (2008)  vergibt das Berlin-Institut oberlehrerhaft Schulnoten für Landkreise, Bundesländer und EU-Regionen.

Bevölkerungswettbewerb

Ostdeutschland wird da im Handumdrehen  zum “demografischen Notstandsgebiet” erklärt. Und Sachsen-Anhalt landet unter den 285 europäischen Regionen mit der Note 4,17 abgeschlagen auf Platz 241. Dahinter folgen nur noch Regionen wie Südtransdanubien und die Karpaten. Nach welchem Schlüssel das Berlin-Institut aus dem nach eigenem Gutdünken zusammengetragenen Datenmaterial die Schulnotenbewertung berechnet, bleibt unklar.

Die Studien liefern Zustandsbeschreibungen. Die sozioökonomischen Zusammenhänge bleiben indes undurchsichtig. Stattdessen setzt das Berlin-Institut auf die suggestive Wirkung der Grafiken und Zahlen, welche die Konkurrenz und die Chancenlosigkeit einiger Regionen betonen. Von “Frauenmangel”, “leeren Wiegen” und “halbierten Schulen” ist die Rede. Die Folge sei eine  “Bevölkerungsimplosion”  und die Entleerung von Regionen zu “Schwundzonen”. Am Ende heißt es: “Nach dem Mensch kommt der Wolf.”

Es ist ein Spiel mit Urängsten. Auch die neue Studie “Land mit Aussicht” prophezeit den ostdeutschen Regionen “Überalterung” und “Ausbluten”. Dem Erfolgsmodell Oldenburger Münsterland wird das Beispiel der Müritzregion im südlichen Mecklenburg-Vorpommern gegenüber gestellt. Es ist das ostdeutsche Verlierermodell.

Doch verzichten die Autorinnen dieses Mal auf allzu schrille Rhetorik und vertiefen sich stattdessen in die Geschichte der beiden Regionen. Das Problem der etwas leiseren Töne folgt aber auf dem Fuß: Die Medienresonanz am Tag nach der Präsentation der Studie ist gleich Null.

Demografische Lücke

Das Berlin-Institut gehört zu einem Netz von privaten Organisationen und Stiftungen, die die Politik in Sachen Demografie beraten. Dazu zählt neben der Bertelsmann Stiftung und der Robert Bosch Stiftung auch die vom Drogerieketten-Unternehmer Dirk Roßmann 1991 begründete Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung, mit der das Berlin-Institut kooperiert.

In Deutschland fristete die Demografie nach dem Krieg ein akademisches Schattendasein. Im Nationalsozialismus hatten sich Bevölkerungswissen-schaftler zu Vordenkern der Vernichtung gemacht. Bevölkerungspolitik blieb für Jahrzehnte ein Tabu und kehrte erst im Jahr 2001  in die Politik zurück. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 3. April 2001 erklärte den “generativen Beitrag” zum unverzichtbaren Bestandteil des umlagefinanzierten Sozialversicherungsstems.

Das Urteil sorgte zunächst nur für aufgeregtes Akademikerraunen im Blätterwald. Noch im Jahr 2003 gaben in einer Forsa-Umfrage 52 Prozent der Deutschen an, von Demografie noch nie etwas gehört zu haben.  Das änderte sich erst ein Jahr später mit dem zum Medienereignis inszenierten Erscheinen von Frank Schirrmachers Buch “Das Methusalem-Komplott”.

Auf eine demografische Debatte war man in Deutschland schlecht vorbereitet. In diese Lücke sprangen die privaten Institute und Stiftungen. Sie bestimmen seitdem den Diskurs. Und sie formulieren das demografische Credo: Soziale Sicherheit durch stabile Demografie. Das klingt im ersten Moment überzeugend, ist aber Humbug.  Denn Gesellschaften verändern sich.

Es ist denn auch weniger wissenschaftliche Expertise, die das Berlin-Institut anbietet. Es sind politische Ratschläge mit entsprechenden demografischen Repräsentationen. Das geht natürlich in Ordnung. Allerdings nur so lange, wie  man Meinungen nicht als wissenschaftliche Fakten tarnt.

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