Männer und Frauen haben eine unterschiedliche Lebenserwartung. Rund sechs Jahre beträgt der Unterschied zugunsten der Frauen. Dass Frauen älter werden, scheint naturgegeben. Alter und Gesundheit werden immer noch mehr als biologische, weniger als soziale Tatsache gedacht.
Nun gibt es aber eine gute Nachricht für die Männer. Die Männer in Deutschland holen bei der Lebenserwartung auf. Laut einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamts wird der Rückstand der Männer auf die Frauen bis zum Jahr 2050 um etwa ein Jahr schrumpfen, von momentan 5,6 Jahren auf 4,5 Jahre. Das berichtete das Nachrichtenmagazin Focus.
Männer werden damit im Durchschnitt 7,6 Jahre älter sein als heute, Frauen lediglich 6,5 Jahre. Derzeit beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für neugeborene Jungen 76,9 Jahre und für neugeborene Mädchen 82,3 Jahre. Statistisch kann ein heute 60-jähriger Mann mit weiteren 20,7 Jahren rechnen, eine 60-jährige Frau mit weiteren 24,6 Lebensjahren.
Allerdings gibt es in der Lebenserwartung große Unterschiede. Der Wohnort kann bereits einen Unterschied von rund acht Jahren ausmachen. Und auch der Beruf hat Einfluss auf die Lebenserwartung: Ein heute 45-jähriger Beamter wird statistisch sechs Jahre länger leben als ein gleichaltriger Arbeiter.
Nonnen und Mönche
Um nun herauszufinden, inwiefern das Geschlecht die Lebenserwartung beeinflusst, hat Marc Anton Luy, Demograf am Vienna Institute of Demography, die Lebensdaten von 12.000 Nonnen und Mönchen bayerischer Klöster erfasst.
Im Kloster, so der Gedanke Luys, ähneln sich die Lebensbedingungen für Frauen und Männer am meisten: Beiderseits wird wenig geraucht und auch sonst maßvoll gelebt. Schwangerschaften sind selten, die Hierarchien flach. Die Karrieredynamik hält sich in Grenzen. Und die Männer fahren nicht mit dem Auto zurArbeit.
Wenn nun biologische Faktoren für die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern verantwortlich sind, dann müssten die Nonnen ebenfalls älter werden als die Mönche.
Das Ergebnis von Luys Klosterstudie: Während Nonnen genau so lange leben wie ihre säkularen Geschlechtsgenossinnen, werden Mönche im Vergleich zur männlichen Gesamtbevölkerung vier Jahre älter, etwa 80 Jahre. Es bleiben nur knapp zwei von sechs Jahren Differenz übrig. Der Einfluss biologischer Faktoren auf die Lebenserwartung ist also eher gering. Es ist vielmehr der vergleichsweise ungesunde Lebensstil, der Männer früher sterben lässt.
Lebensverlängernde Maßnahmen
Werden die Mönche nun danach gefragt, worauf sie ihre eigene höhere Lebenserwartung zurückführen, so geben sie, Luy zufolge, zwei Antworten: Erstens, der geregelte Tagesablauf beugt Stress vor. Und zweitens, als Mönch geht man nicht in Rente.
Tatsächlich ist für den Londoner Sozialmediziner Michael Marmor Stress der bei weitem ausschlaggebendste Einfluss auf die unterschiedliche Verteilung von Gesundheitsrisiken und der Lebenserwartung. Danach ist das Ausmaß, in dem eine Person selbst kontrolliert, was sie tut, und nicht unter äußerem Druck steht, ein Indikator für die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden und früh zu sterben.
Auch der Hinweis der Mönche darauf, dass der Vorruhestand wohl nicht der Schlüssel zu einem langen Leben ist, findet wissenschaftliche Bestätigung. James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, nimmt das Gegenteil an: Es ist eher die lebenslange Versorgung mit Tätigkeit, die das Leben verlängert.
Für Vaupel kommt es deshalb darauf an, im Lebenslauf mit der Arbeitszeit zu haushalten. Heute arbeitet in Deutschland ein 45-Jähriger Mann im Durchschnitt 30 Stunden pro Woche, ein 60-Jähriger dagegen nur acht.
Das ist wieder ein Beleg dafür, dass Probleme, die heute gerne unter dem Label “Demografie” diskutiert werden, in Wirklichkeit Probleme der Organisation von Arbeit sind.
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