Wer 40 Jahre und älter ist, der ist „vergleichsweise nutzlos“. Über Sechzigjährige sind „vollständig entbehrbar“. Der kanadische Mediziner William Osler regte vor 100 Jahren den „friedlichen Abgang alter Menschen durch Chloroform“ an. Osler war alles andere als ein durchgeknallter Dr. Mabuse. Sir William Osler gilt als “Vater der modernen Medizin”.
Alter braucht Vorbilder, kulturelle Muster. In der modernen Gesellschaft wurde traditionelle durch wissenschaftliche Orientierung ersetzt. Wir suchen in wissenschaftlichen Ergebnissen Anleitung und Bestätigung für unseren Alltag.
Altern als Krankheit
Am 22. Februar 1905 wurde eine solche „wissenschaftliche Wahrheit“ geboren. William Osler, 57-jähriger Professor für Medizin, hielt in Baltimore eine folgenreiche Rede. Es sei für eine Gesellschaft besser, sagte Osler, wenn 60-Jährige gezwungen würden, sich vollständig vom beruflichen und politischen Leben zurückzuziehen. Schon 40-Jährige seien unbrauchbar, wenn man auf geistige Neuerungen setze.
„Das mag manche schockieren, und dennoch, die Weltgeschichte, wenn man sie nur richtig liest, beweist diese Behauptung. Nehmen Sie die Summe der menschlichen Errungenschaften in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kultur, in der Literatur – ziehen sie die Werke der über 40-Jährigen ab, und wenn wir auch große Schätze entbehren müssten, ja sogar auf einzigartige Schätze verzichten müssten, wir stünden doch da, wo wir heute stehen.“
Am nächsten Tag titelten die Zeitungen “Professor Osler empfiehlt 60-Jährigen Chloroform”. Osler stand mit seiner Meinung keineswegs allein da. So etwa stellte der Verein für Socialpolitik 1910 “Untersuchungen über Auslesungen und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie” an und konstatierte:
Der Arbeiter hört im großen und ganzen im 40. Lebensjahr auf, ein wirklich brauchbarer, hoch qualifizierter, mit schnell arbeitenden Maschinen gut in engster Beziehung stehender Mensch zu sein. Zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr verschwindet der Arbeiter aus den zentralen Teilen der kapitalistischen Maschinerie.
Oslers Rede war aber mehr als ein Produkt seiner Zeit. Sie zeigte Folgen bis in unsere heutige Zeit, über die Frank Schirrmacher in seinem Buch Das Methusalem-Komplott berichtet. Immer wieder machten Wissenschaftler sich daran, Beweise für die Behauptung Oslers zu finden.
Schirrmacher ist über diese wissenschaftliche Form der Altersdiskriminierung empört. Er liefert aber mit seinem Feuilleton-Biologismus, mit seiner Rede von der „unnatürlichen Erfahrung des natürlichen Alterns“, die Munition für das Konzept vom Alter als Krankheit.
Oslers Wahrheit steckt in vielen bis noch vor kurzem hoffähigen wissenschaftlichen Theorien. Etwa im medizinischen „Defizit-Modell“. Oder in den soziologischen Theorien von „Disengagement“ und „Ageing-Conservatism“. Das Defizit-Modell begreift Altern als abbauenden Naturvorgang. Nach der Disengagement-Theorie ziehen sich Alte naturgemäß aus gesellschaftlichen Bereichen zurück.
Und die Ageing-Conservatism-Hypothese sagt, dass mit zunehmendem Älterwerden der Bevölkerung konservative Tendenzen gestärkt werden. Politische, soziale und wirtschaftliche Neuerungen würden dadurch verzögert oder gar verhindert.
Vitalisierung des Alterns
Erst Ende der 1980-er Jahre wurden die positiven Entwicklungschancen des Alterns untersucht. Die US-amerikanischen Soziologen John Wallis Rowe und Robert Kahn prägten mit ihrem 1987 im Journal Science erschienenen Artikel „Human Ageing: Usual and Successful“ den heute weit verbreiteten Begriff „Erfolgreiches Altern“.
Die Autoren definierten „Erfolgreiches Altern“ als die Fähigkeit, Krankheiten zu vermeiden, kognitive Funktionen zu erhalten und physisch vital zu bleiben, sowie sich aktiv am Leben zu beteiligen. Diese Definition des erfolgreichen Alterns wurde in den 1990-er Jahren immer wieder um weitere Faktoren ergänzt und zu einem Konzept des „Aktiven Alterns“ weiterentwickelt.
2002 verabschiedete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Rahmenkonzeption zum „Active Ageing“. Danach ist „Aktives Altern“ ein Prozess der Optimierung von Möglichkeiten zur Erhaltung der Gesundheit, der sozialen Teilhabe und der Sicherheit, mit dem Ziel, die Lebensqualität älterer Menschen zu fördern.
Seit den 1990-er Jahren formieren sich die Alternswissenschaften neu, zuerst in den USA, dann auch in Deutschland. Bereits 1974 hatten die Amerikaner das National Institute on Ageing gegründet. Inzwischen ist aus den unterschiedlichen Wissenschaften eine umfassende Alternsforschung entstanden. Deren Ergebnisse haben das bisherige Wissen vom Altern und Alter innerhalb weniger Jahre geradezu auf den Kopf gestellt.
Altern wird inzwischen als komplexes Zusammenspiel von biologisch bedingten Einbußen und kulturell vermittelten Zugewinnen verstanden. Der 2006 verstorbene Berliner Alternsforscher Paul. B. Baltes hat ein Modell entwickelt, das die verschiedenen neuen Befunde zum Altern integriert.
“Gutes Altern“ ist danach das Ergebnis der Selektiven Optimierung mit Kompensation (SOK), die gelungene Balance zwischen der Kompensation von Defizitien und der Optimierung von Ressourcen. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Kompetenzen zur Bewältigung von schwierigen Situationen mit dem Alter wachsen.
Ältere Menschen neigen keineswegs, wie man lange annahm, zu so genannten „regressiven Bewältigungsformen („ich fühle mich überfordert und wünsche mir jemanden, der Verantwortung abnimmt“). In Wirklichkeit liegt die Zukunft des Alterns in der Balance aus Unterstützung und Herausforderung. Professor Oslers Wahrheit ist endlich Geschichte.
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