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Neue Unübersichtlichkeit des Alters

In modernen Gesellschaften sind Respekt und Macht knappe Güter, um die konkurriert wird. Dabei sieht man immer schneller alt aus. Obwohl wir immer älter werden. Und immer länger gesund und leistungsfähig sind. Es ist paradox. Aber die Altersgrenze wird  immer tiefer gezogen.

Inzwischen liegt die Altersgrenze so tief, dass sich die Altersbilder vervielfältigt haben. Bereits mit 45 Jahren hält einen die Arbeitsagentur für nur noch “schwer vermittelbar”. Spätestens mit 50 Jahren erreicht man das „zweite Alter“, mit 65 das „dritte Alter“, mit 80 schließlich das „vierte Alter“.

spiegel-titel-quartlife-crisisAlter macht sich aber schon diesseits der fünfzig bemerkbar. Zur „Midlife Crisis“ hat sich längst die Quarterlife Crisis (QLC) der Generation gesellt, über die der SPIEGEL „Jung, erfolgreich, entlassen“ getitelt hat. “Ich bin schon fast dreißig,” schreibt eine Betroffene in einem OLC-Forum. “Und oft denke ich mir: ‘Für Dich ist allles schon gelaufen. ALLES!’”

Wir leben in einer immer schneller werdenden Kultur. Früher veränderte sich die Welt während eines Menschenlebens kaum. Die Zeit verlief sehr viel langsamer. Die Nachricht von der Bartholomäusnacht (24. August 1572), zum Beispiel, gelangte mit einer damaligen Rekordgeschwindigkeit von nicht einmal 100 Kilometern pro Tag von Paris nach Madrid, wo sie zwei Wochen später am Abend des 7. September eintraf. Heute kommunizieren wir über Twitter in Echtzeit.

Die Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung entwertet unsere Erfahrungen und unser Wissen immer schneller. Allein das medizinische Wissen verdoppelt sich heute alle fünf Jahre. Auch wenn immer noch von Bildungspolitik geredet wird, es geht längst ums Management von Wissen. Bildung alten  Typs, das zeigen soziologische Untersuchungen, können Managerkarrieren sogar behindern. Sie wird als hinderlich beim schnellen Entscheiden empfunden.

Die gesellschaftliche Zeit hat die Lebenszeit überholt. Die Halbwertszeit von Erfahrungen und Wissen wird immer kürzer. Was früher ein Leben lang Bestand hatte, verfällt heute in wenigen Jahren. Deshalb werden wir immer schneller alt. Mit dreißig Jahren haben wir heute mehr an  Veränderung erlebt, mussten uns öfter neu einrichten, als früher die Menschen während ihres gesamten Lebens.

Die neuen Altersbilder sind nicht wirklich Bilder des Alters. Das, was der Trendforscher Matthias Horx den „zweiten Aufbruch“ nennt, ist eher eine neue Lebensphase, die für immer mehr Menschen (längst aber nicht für alle) Realität wird. Für diese Zwischenzeit fehlen uns bislang die Begriffe.

Das wirkliche Alter ist hingegen das „vierte Lebensalter“. Dort finden der gesellschaftliche Fortschritt und die umjubelten neuen Altersbilder ihre Grenzen. Und viele Alternsforscher bezweifeln, dass sich die Erfolgsgeschichte des „jungen Alters“ auf dieses Lebensalter ausdehnen lässt.

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1 comment to Neue Unübersichtlichkeit des Alters

  • “Die Halbwertszeit von Erfahrungen und Wissen wird immer kürzer.” — Als ich vor ca. 10 Jahren meine Abschlussarbeit schrieb, bin ich über eine wiss. Studie gekommen, die genau das untersucht hat, und zwar anhand der Quellen, die in wissenschaftlichen Arbeiten zitiert wurden. Fazit: so tragisch, wie es immer ausgerufen wird, ist es gar nicht. Erstaunlicherweise wird eine große Anzahl von Quellen über einen langen Zeitraum hinweg immer wieder zitiert – also kann das darin enthaltene Wissen so veraltet nicht sein. (habe meinerseits nun allerdings leider meine Quelle nicht parat …)