Am Wochenende ging die große Charmeoffensive der ARD fürs Ehrenamt zu Ende. “Ist doch Ehrensache! Wie Menschen sich für die Gesellschaft engagieren” lautete das Thema der diesjährigen ARD-Themenwoche. Das war selbst der Wochenzeitung DIE ZEIT zu bunt. Was das wohl soll, fragt sich Jens Jessen in der neuesten Ausgabe. Die Antwort: “Not lehrt beten“.
Wir erleben derzeit eine Verehrenamtlichung der Gesellschaft. Oder auch eine Verstaatlichung des Ehrenamts. Das Ehrenamt soll Probleme lösen, die die Politik nicht mehr im Griff hat. Dass der Trend zur Verehrenamtlichung die Probleme auch verschärfen könnte, darauf machte der Furtwangener Soziologe Stefan Selke in der Talksendung Anne Will aufmerksam.
Zur politischen Rhetorik gehört das Argumentieren mit Zahlen. Zahlen erwecken den Anschein harter Fakten. Und so geistern 23,4 Millionen Ehrenamtliche durch die Debatten um eine “Renaissance des Ehrenamts”. Jeder dritte Bundesbürger über 14 Jahre engagiere sich inzwischen ehrenamtlich, heißt es. Das hört sich gut an. Aber woher kommt diese Zahl, auf die sich Politik und Medien andauernd berufen.
Zahlendschungel
Zahlreiche Studien haben in den letzten Jahren versucht, den Umfang des Ehrenamts in Deutschland zu ermitteln. Mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
- Die Zeitbudget-Studie (Blanke u.a.) kam 1992 auf 17 Prozent ehrenamtlich Engagierte, die Eurovol-Studie (Gaskin u.a.) fünf Jahre später auf 18 Prozent. Allerdings waren laut der Zeitbudget-Studie 20 Prozent der Westdeutschen, aber nur neun Prozent der Ostdeutschen engagiert. In der Eurovol-Studie war es genau umgekehrt: Die Ostdeutschen lagen mit 24 Prozent klar vor den Westdeutschen, die es auf eine Engagierten-Quote von gerade mal 16 Prozent brachten.
- Im gleichen Jahr, 1997, erschien die Untersuchung „Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement in Deutschland” (Gensicke u. Klages). Die Studie präsentierte jedoch ganz andere Zahlen. Plötzlich gab es mehr als doppelt so viele Engagierte in Deutschland – 37 Prozent im Osten, 41 Prozent im Westen.
- Ein Jahr später hieß es dann in einer Auswertung des Sozioökonomischen Panels (Erlinghagen u.a.): 25 Prozent ehrenamtlich Aktive im Osten, 35 Prozent im Westen.
Die umfassendste Untersuchung zum Freiwilligenengagement in Deutschland ist der von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Freiwilligensurvey. TNS Infratest führte die Untersuchung erstmals 1999 durch. Mit dem Zweiten Freiwilligensurvey 2004 wurde dann die Basis für eine regelmäßige Untersuchung im Turnus von fünf Jahren geschaffen. Die dritte Welle der Erhebung wird zurzeit durchgeführt. Erste Ergebnisse erscheinen im Herbst.
- Der Freiwilligensurvey ermittelte 1999 für Deutschland eine Engagierten-Quote von 34 Prozent der über 14-jährigen Bevölkerung, fünf Jahr später eine Quote von 36 Prozent. Das entspricht jener Zahl von 23 Millionen ehrenamtlich Engagierten, die von den Medien und der Politik verbreitet wird. In Ostdeutschland stieg dem zweiten Freiwilligensurvey zufolge der Anteil der Engagierten innerhalb von fünf Jahren von 27 auf 31 Prozent, in Westdeutschland geringfügig von 36 auf 37 Prozent.
- Der Europäische Wertesurvey (European Value Survey EVS) konnte im Jahr 2000 aber nur 20 Prozent ehrenamtlich Engagierte entdecken: 16,4 Prozent in Ostdeutschland, 22 Prozent in Westdeutschland. Laut dem EVS lag Deutschland damit weit unter dem europäischen Durchschnitt von 28 Prozent. An der Spitze lagen Schweden mit 56,1 Prozent, die Slovakei mit 51,4 Prozent und die Niederlande mit 49,2 Prozent.
- Auch das Allensbach-Institut kam in einer repräsentativen Befragung 2007 lediglich auf eine Engagierten-Quote von 18 Prozent in Deutschland.
- Aus der neuesten, im Sommer 2008 durchgeführten Erhebung zum Freiwilligenengagement errechnete Prognos für den Engagementatlas 2009 dann wieder eine Engagierten-Quote von 34,3 Prozent – 26,5 Prozent im Osten, 36,3 Prozent im Westen. Das entspricht ziemlich genau der vom Ersten Freiwilligensurvey ermittelten Quote von vor zehn Jahren.
Zahlenzauber
Die unterschiedlichen Zahlen sind zu einem guten Teil das Ergebnis unterschiedlicher Methoden. So schreiben die Autoren des Freiwilligensurveys selber, dass sie es für „wahrscheinlich” halten, dass die von ihnen errechnete Engagierten-Quote zu hoch ausfällt. Zum Beispiel deswegen, weil die Bereitschaft am Freiwilligensurvey teilzunehmen bei Engagierten größer ist als bei Nicht-Engagierten. Deren Zahl wird deshalb unterschätzt.
Die Sozialwissenschaftler Anne Hacket und Gerd Mutz (2002) haben nachgerechnet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass man die Engagierten-Quote des Freiwilligensurveys um mindestens sechs bis acht Prozent kürzen müsse. Mit anderen Worten: Statt von einem Drittel, wäre es dann angemessener von einem Viertel der Bevölkerung zu sprechen, das freiwillig tätig ist.
Eine andere Frage ist, welche Definition des Ehrenamts oder Engagements der Untersuchung zu Grunde liegt. Der Freiwilligensurvey benutzt ein sehr breites und “wertneutrales” Konzept der “freiwilligen Tätigkeit”, das weit über das Ehrenamt und das bürgerschaftliche Engagement hinausgeht. Ausdrücklich werden auch “Gemeinschaftsaktivitäten im persönlichen Umfeld” erfasst. Bei einigen dieser Tätigkeit bleibt unklar, ob man diese noch zum Engagement oder gar Ehrenamt zählen kann.
Insofern steht die Zahl von 36 Prozent Engagierten im Freiwilligensurvey keineswegs im Widerspruch zu den 18 Prozent der Allensbach-Umfrage 2007. Verwendet man die sehr weite Fassung von Engement des Freiwilligensurveys ist es aber völlig überinterpretiert von 36 Prozent bzw. 23 Millionen ehrenamtlich Engagierten zu sprechen.
Die Autoren des Untersuchungsberichts behaupten das auch nicht. Diese Zahleninterpretation ist eine Erfindung der Medien und Politik, die nicht wissen (wollen), was in der Untersuchung eigentlich erhoben worden ist.
Zahlen-PR
Wesentlich vollmundiger als der Freiwilligensurvey kommt der vom Finanzdienstleister Generali Deutschland finanzierte Engagementatlas 2009 daher. In der Studie heißt es, es lägen bisher „keine verlässlichen empirischen Erkenntnisse” vor, wenn es darum gehe, bürgerschaftliches Engagement zu quantifizieren.
Damit, so schreiben die Sozialforscher Joachim Braun und Helmut Klages (2009), „wird fälschlicher Weise der Eindruck erweckt, der Bericht stoße grundsätzlich in wissenschaftliches Neuland vor”. Das ist schon deshalb Unfug, weil das Institut Prognos mit einer abgespeckten Version des Freiwilligensurvey-Fragebogens kaum mehr als längst Bekanntes reproduziert.
„Verantwortungslos”, so Braun und Klages, verfährt die Untersuchung da, wo sie mit einer angeblich „einzigartig hohen Zahl” von 44.000 Telefonbefragungen (15.000 beim Freiwilligensurvey) argumentiert. Das klingt zunächst beeindruckend, bringt aber nichts.
Denn die Studie will auf der Ebene der 439 Landkreise und kreisfreien Städte Aussagen treffen. Das ist zwar interessant, doch reichen, grob gesagt, die 44.000 Befragungen dafür nicht aus. Auf eine Gebietseinheit kommen kaum mehr als 100 Befragte.
Zahlensalat
Verlässliche Zahlen zum ehrenamtlichen Engagement zu erheben, ist schwieriger als man zunächst denkt. Seit 200 Jahren wandelt sich das Verständnis des Ehrenamts ständig und entzieht sich damit einer allgemeingültigen Definition.
Fasst man die Definition nun zu eng, wird man zahlreiche neuere Formen des ehrenamtlichen Engagements nicht erfassen. Fasst man die Definition zu weit, läuft man Gefahr, selbst kleinere Gefälligkeiten zum Ehrenamt hochzustilisieren. Insbesondere auch deswegen, weil die Frage, was zum Ehrenamt zählt und was nicht, den Befragten überlassen bleibt. Befragte neigen aber zu sozial erwünschtem Antwortverhalten.
Selbst die Statistiken der Wohlfahrtsverbände geben kaum mehr als grobe Annäherungswerte. Glaubt man etwa den Angaben von Diakonie und Arbeiterwohlfahrt, müsste die Zahl der Ehrenamtlichen in den letzten 15 Jahren erstaunlich konstant geblieben sein.
Einen deutlichen und stetigen Aufwärtstrend des freiwilligen Engagements in den letzten fünfzehn Jahren, wie oft behauptet, belegen auch die Zahlen der Wohlfahrtsverbände nicht.
Im Gegenteil: Es gibt Zahlen, die den Rückgang des Engagements in traditionellen Ehrenämtern belegen. So sank die Zahl der Freiwilligen bei der Feuerwehr von 1,4 Millionen im Jahr 1994 auf 1,1 Millionen im Jahr 2005. Das spricht nun aber wiederum nicht für einen allgemeinen Trend, sondern lediglich für eine Veränderung des Engagemts.
Insofern taugen auch Zahlen aus früheren Jahren nicht für einen Vergleich. Anfang der 1960-er Jahre hatte die Deutsche Gesellschaft für Freizeit e.V. fünf Prozent Ehrenamtliche in Deutschland ermittelt. Im Oktober 1996 behauptete die Bundesregierung deshalb, die Zahl ehrenamtlich Tätiger habe sich seitdem „fast verfünffacht”.
Man sieht: Schon damals folgten die politischen Entscheidungen nicht den Zahlen. Sondern umgekehrt: Die Zahleninterpretationen stützten den politischen Willen.
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Bei uns hier in Österreich gabs auch mal ein “Jahr des Ehrenamts”, offenbar ähnlich wie in Deutschland. Daran anschließend wurde stark seitens konservativer Parteien versucht, staatliche Aufgaben ins Ehrenamt abzuschieben. Pflegearbeit ist so ein typisches Beispiel dafür. Ich denke, dass es für die Debatte hilfreich ist, klar zwischen politischem Engagement und sozial-caritativem Ehrenamt zu differenzieren. Manchmal machen Menschen beides, aber die gesellschaftliche Bewertung ist ein ganz andere. Ein möglicher Ansatz damit (im Kulturbereich) umzugehen findet sich hier: http://www.kupf.at/kampagne
Kein Wunder dass ich diese ganzen Zahlen von 1/3 Engagierten für völlig übertrieben halte. Der Artikel zeigt es mir auf…