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Ist Altern (un)natürlich?

Manch schlagkräftiges Argument in der demografischen Debatte ist wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar. Nicht nur in der Diskussion um die Demografie wird immer wieder gerne die Biologie bemüht. Soziales erscheint damit als unveränderbar. Oder es wird zum Kriegsschauplatz eines historischen Feldzugs gegen die Natur, bei dem alles auf dem Spiel steht.

Der Demografie-Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist dafür nur ein Beispiel. Wortgewandt legt Schirrmacher den demografisch unbedarften Leser in Assoziationsketten, wenn er schreibt:

Die Alterung der Industrienationen wird wie eine Sinuskurve in den nächsten 30 Jahren durch die gewaltige Jugendwelle der muslimischen Länder überdeckt.

Der gedankliche Salto mortale zum Olympia-Attentat 1972 in München und zum 11. September 2001 ist für Schirrmacher dann eine leichte Übung.

Schirrmachers Katastrophenszenario gründet im „Fortpflanzungsegoismus der Natur“ und der „Abneigung der Natur gegen das Altern“. Gegen die demografische Götterdämmerung hilft deshalb nur eins:

Wir müssen Selbstverteidigungsstrategien entwickeln, Methoden alternativer Kriegsführung, die es einem erlauben, auch als schwacher Alter zu überleben: von der Partisanentätigkeit bis zum Hacker Angriff.

In seinem zweiten Buch „Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft“ spielt Schirrmacher dann die Gesellschaft gegen die Gemeinschaft der Familie aus. Familie, auch das ist für Schirrmacher eine biologische „Urgewalt“.

Zum Beweis erzählt er die Geschichte von jenem Siedlertreck, der 1846 auf dem Donnerpass in einen Schneesturm gerät.

Es ist eiskalt. Und so weit das Auge reicht liegt Schnee. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Landschaft aus wie ein riesiger Bogen Papier, auf dem sechs abgezirkelte schwarze Kreise eingezeichnet sind. Diese Kreise markierten Lager, notdürftig errichtet von den Menschen, die hier festsitzen. Insgesamt sind es einundachtzig: mehrere große Familien, Alleinreisende und einige ortskundige Führer, die den Treck sicher durch die Sierra Nevada hätten bringen sollen. Doch nun ist Ende November 1846, und die Siedler sind am Fuße eines Berges wie festgefroren. Die Lage ist aussichtslos

Für die mutigen und kräftigen Männer geht die Sache nicht gut aus. Übrig bleiben die networkenden Frauen, die um das Überleben der Sippe, der Familie, bemüht sind.

Aus dieser Geschichte zimmert Schirrmacher das Modell einer Überlebensgemeinschaft in demografischer Eiszeit, in der die soziale Temperatur auf ein Minimum abkühlt. Und das ist längst nicht alles. „Die Natur“, so Schirrmachers Fazit, „setzt mit ziemlicher Entschlossenheit aufs Ewig Weibliche.“

Die Verkehrung von sozialen Tatsachen in Naturtatsachen, das lehrt insbesondere die jüngste deutsche Geschichte (der Nationalsozialismus definierte sich als „angewandte Biologie“), ist eine gefährliche Sache. Altern und Alter erscheinen als „unnatürlich“, weil Altern im Wettlauf der Evolution einen Nachteil darzustellen scheint. So schreibt Schirrmacher:

„Das alte Lebewesen ist für die Natur ohne jeden Nutzen. Was sich nicht mehr vermehren kann, ist alt und muss sterben. Ein Lebewesen, das nicht mehr vererbt, ist ein Fehlinvestment der Natur.“

Evolution und Altern

Damit bleibt Schirrmacher selbst hinter den klassischen Evolutionstheorien, etwa der Theorie angesammelter Mutationen von Peter B. Medawar, zurück. Denn wäre Altern biologisch sinnlos, müsste das Altern längst „ausgestorben“ sein. Da dem so nicht ist, muss es eine Erklärung dafür geben. Bereits 1990 zählte man rund 300 Theorien zum Altern.

Neue Studien zeigen nun, dass das Altern nicht unvermeidlich ist. Eine Forschergruppe am Max-Planck-Institut für demografische Forschung um David Thomson untersuchte zum Beispiel den Süßwasserpolypen Hydra und konnte keine Zeichen von Altern entdecken. Lebensformen, die sehr langsam oder überhaupt nicht altern, zeigen, dass die Evolution sehr unterschiedliche Lebensstrategien hervorbringen kann.

Der Prozess der Alterung ist also nicht ohne Alternativen, wie auch Annette Baudisch in ihrem Buch “Inevitable aging?” zeigt. Alle neueren Modelle der Evolution basieren deshalb auf der Idee der optimalen Ressourcenverteilung zwischen Wachstum, Überleben und Fortpflanzung.

Unterschiede im Alterungsvorgang können dann mit einer Kosten-Nutzen-Abwägung begründet werden. Manche Lebewesen nehmen lieber einen rapiden Alterungsprozess in Kauf, um möglichst schnell viele Nachkommen zu produzieren. Andere gehen es gemächlich an und investieren in ein langes Leben. Sie bekommen nur wenig Nachwuchs, das jedoch in regelmäßigen Abständen und über einen langen Zeitraum.

Dabei zeigt die Alterung des Menschen zusätzlich einen überraschenden Verlauf. Sie verläuft keineswegs konstant. Vielmehr verlangsamt sich das Sterberisiko ab dem 90. Lebensjahr. Und jenseits von 110 Jahren steigt das Sterberisiko sogar nicht mehr weiter an. Damit steht die Vorstellung einer „Höchstlaufzeit” menschlichen Lebens inzwischen ernsthaft zur Diskussion.

Aber nur wenn man versteht, warum und wie einige Lebensformen dem Altern entkommen, kann man auch verstehen, warum der Mensch altert. Und welchen evolutionären Vorteil er daraus gewinnt. Dazu gibt es bereits eine Reihe von Theorien, wie zuletzt die von Josh Mitteldorf und John Pepper.

Bisher ist aber nur eins klar: Altern ist kein “Fehllinvestment der Natur”. Schirrmacher irrt.

Buchempfehlung

Die Zukunft des Alterns

Peter Gruss (Hrsg.), DIE ZUKUNFT DES ALTERNS, Die Antwort der Wissenschaft, 331 Seiten, C.H. Beck Verlag, München 2007, 16,90 Euro. Vorschau bei Google Bücher.

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