Quelle: Questionmarc
Jens Uehlecke schrieb sich mit einem ZEIT-Artikel vergangene Woche in die Herzen der Twitteria. Twitter sei die “Klowand des Internets”. Und Twittern …
ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen. [...] So hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme! [...] Das führt dazu, dass ein von Gerüchten getriebener Mob wieder und wieder Enten verbreitet.
Natürlich war die Aufregung auf Twitter groß. Und ebenso groß war die Aufmerksamkeit für das Faltmedium, in dem der Artikel erschienen war. Ein Marketing-Erfolg. Dabei bemerkte kaum jemand, dass der Klowand-Vergleich schon allein deshalb billig war, weil Uehlecke ihn geklaut ausgeliehen hatte.
Im Januar 2006 war bereits die (mit der Kampagne “Du bist Deutschland” beauftragte) Werbeagentur Jung von Matt mit dem Klowand-Vergleich gegen die Blogger ins Feld gezogen. Jean-Remy von Matt schrieb damals:
Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.
Nun, von Matt entschuldigte sich hinterher bei den “Klowänden des Internets”. Das erwartet heute sicherlich niemand von Jens Uehlecke. Und Klowand hin oder her, Twitter-Vergleiche sind oft informativer als langwierige und langweilige Twitter-Definitionen. Nach der Art: “Twitter ist ein Mikro-Blogging Dienst, bei der angemeldete Benutzer kurze, SMS-ähnliche Textnachrichten mit max. 140 Zeichen Länge veröffentlichen …”
Ich habe im Folgenden eine Liste mit 20 Twitter-Vergleichen zusammengetragen (die gern via Kommentar ergänzt werden kann). Wer wissen will, was Twitter ist, kann aber auch den Twitterstrom direkt befragen:
Eine Liste mit 20 Twitter-Vergleichen
1. David Maciejewski im Blog macximal im April 2007:
Twitter ist wie Tripper.
2. Clive Thompson im Wired Magazine im Juni 2007:
Twitter is the app that everyone loves to hate. Twitter and other constant-contact media create social proprioception. They give a group of people a sense of itself, making possible weird, fascinating feats of coordination. Critics sneer at Twitter as hipster narcissism, but the real appeal of Twitter is almost the inverse of narcissism. It’s practically collectivist – you’re creating a shared understanding larger than yourself.
3. Biz Stone, einer der Gründer von Twitter, im Interview mit dem Elektrischen Reporter im Oktober 2007:
Das ist sowas wie soziale Alchemie, die da stattfindet. All dieses scheinbar sinnlose Zeug und daraus entsteht etwas Wertvolles. Ich denke, dass all die freien Daten im Netz eine neue Quelle der Erkenntnis über uns selbst darstellen. Und um andere Menschen kennenzulernen. Oder einfach nur, mehr über uns selbst zu erfahren.
4. Kommentar von Joshua zu Jack Dorsey’s Twitter-Präsentation im März 2008:
Twitter is just compensation for the human fear that the world doesn’t exist when you aren’t looking at it.
5. Henning Schürig in seinem Blog im April 2008:
Twitter ist das Flurgespräch im Netz. Der Online-Flurfunk.
6. Roland Kühl-v. Puttkamer im Blog Werbeblogger im Mai 2008:
Twitter ist ist die kurzgekotzte und interpretationsschwangere Steno des Web 2.0. Häufig genug senderwirksam, aber nicht wirklich empfangsgeeignet.
7. Robert Basic im Blog written in basic im Januar 2009:
Twitter ist wie eine Art Gefängnis, wo man für exakt 140 Schritte Ausgang bekommt. Das ist manchmal ganz nett, aber auf Dauer zu einengend.
8. Laura Fitton im Blog Pistachio im Januar 2009:
Twitter is my Village. It takes a village – a critical mass of interesting people – to read and write to. When my brain started to connect with the brains (and hearts) of others, it got really, REALLY cool for me. You may be looking for like minds, or you may want to be totally shaken up by new ideas. Both work. One day I suddenly realized this was, for me, tribe-finding. For arguably the first time in my life I didn’t feel as weird and different.
9. Peter Viebig, Redakteur bei der Nürnberger Zeitung, im Blog Vip-Raum im Februar 2009:
Twitter ist ein Rinnsal. Ich würde sagen, der Mainstream in Nürnberg ist immer noch Web 1.0 oder Web 0.0. Twitter ist bestimmt keiner und verhält sich zur Zeitung noch nicht einmal wie der Goldbach zur Pegnitz.
10. Twitter-”Erfinder” Jack Dorsey im Interview mit der Los Angeles Times im Februar 2009:
When I think of Twitter, I think of – it’s really hard to define because we’re still coming up with the vocabulary – but I think it’s defined a new behavior that’s very different than what we’ve seen before.
11. Felix Reichstein im Nordbayerischen Kurier Online im Februar 2009:
Twitter-Zeilen sind das Gezwitscher eines Exhibitionisten.
12. Google CEO Eric Schmidt auf der Morgan Stanley Technology Conference in San Francisco im März 2009:
Twitter is poor man’s email.
13. Eva Amsen im Science Blog Expression Patterns im April 2009:
Twitter is like standing in a crowded room. You might pick up on an interesting conversation, but you have to go in there knowing that you won’t be able to follow what everyone is saying.
14. Andrew Keen im Interview mit Techcrunch auf The Next Web im April 2009:
Twitter is the nail in the coffin of Web 2.0.
15. Björn Sievers, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft/Finanzen bei FOCUS Online, im Blog PRlen im Mai 2009:
Twitter ist asynchrone Kommunikation, ist ein Dauerchat, in den ich mich einklinke und aus dem ich mich wieder ausklinke, wann immer ich will. Es ist die lange Leine, an der meine Freunde hängen, die lieben Kollegen – und Menschen, an deren Denken ich ohne Twitter nicht partizipieren können. Twitter ist eine Kneipe, in der ich parallel an vielen Tischen sitzen kann und dabei nur den Menschen zuhöre muss, auf die ich Lust habe.
16. Mariana Soffer im Blog Sing your own lullaby im Mai 2009:
Twitter is like a huge cocktail party with: Following and Followers: You can say you invited people to the party when you followed them. People who are not online now have not arrived at the party. But like all good parties, there are party crasher who also appear but were not invited.
17. Christoph Holowaty im Blog Horrorwaty im Mai 2009:
Twitter ist Teufelszeug. Per Twitter lässt es sich endlich wieder prima zündeln, genau wie damals in der Steinzeit-Höhle mit Feuerstein, Zunder und Pyrit. Dumm nur, dass heutzutage nicht etwa nur der Stammesälteste oder der Sippen-Schamane über ein derartig weitreichendes Fachwissen verfügt, sondern jeder Grundschüler.
18. Christian Mähler alias @selbstreferential im Blog Leser Eins im Mai 2009:
Twitter ist ein globaler Bewusstseinsstrom. Der Twitter Bewusstseinsstrom fördert das Bewusste zu Tage, zeigt aber zwischen den Zeilen oft das Unbewusste. Die Summe aller bewussten Äußerungen generiert ein riesiges unbewusstes Informationsgemenge. Ein geschicktes Filtern des Bewusstseinstroms führt zur Identifizierung von Memen. So erzählt Twitter mit seiner Public Timeline das Bewusstsein seiner Nutzer. Twitters Stream of Consciousness ist die „Radikalisierung personalen Erzählens”.
19. Sixtus vs. Lobo #10 – Twitter, Mai 2009:
Sixtus: Twitter ist der Superlativ der Oberflächlichkeit, der virtuelle Gedankenlokus, das Sprechdurchfallarchiv für Menschen ohne Kurzzeitgedächtnis … Lobo: Twitter ist eher die reißerische Headline, auf den verlinkten Webseiten stehen die Inhalte und dazwischen entsteht der faszinierende Sozialkitt …
20. James Liep im Blog Wealthy Programmer im Juni 2009:
Twitter is a giant echo chamber for wanna-be media types.
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