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Twitter: Wie alles begann

Das Projekt Twitter (zunächst „Twttr”) wurde in einem Auto geboren. Es regnete. Noah Glass und Jack Dorsey waren von einem Club-Besuch in San Francisco nach Hause gefahren. Glass hatte einige Wodkas zu viel getrunken. Die beiden saßen noch stundenlang im Auto und redeten über Gott und die Welt. Und irgendwann plötzlich auch über diese Idee von Dorsey.

So erzählt Noah Glass einige Wochen später die “Twittr-Story”. Om Malik beschreibt in seinem Blog Gigacom die Idee Dorseys damals in einem Satz: „Twttr has married Short Code Messaging, SMS, with a way to create social groups.”

Woher ihm diese Idee kam, weiß Dorsey auch nicht mehr so genau: “Like most people, it all started with my mother.” (Video) Bereits im Jahr 2000 hatte Dorsey eine erste Skizze seiner Idee angefertigt. Sechs Jahre später wurde die Skizze gewissermaßen zum Gründungsdokument von Twitter.

twitter-grundungsdokument

Quelle: Jack Dorsey auf Flickr

Allerdings ist die Idee des Microblogging noch älter. Bereits im August 1935 hatte das Magazin Modern Mechanix einen Artikel über einen “Notificator” veröffentlicht. Und der Cartoonist Robert Crumb zeichnete in den 1960-er Jahren eine ähnliche Maschine: “Everyone will be tuned in to everything that’s happening all the time!”

Twitter Robot

Quelle: Dan Hollings’ posterous

Dorsey und Glass arbeiten im Frühjahr 2006 im Podcasting-Unternehmen Odeo in South Park. Das Unternehmen steht unter Druck und will sich neu erfinden. Es gibt ein eintägiges Brainstorming. Am Ende fällt die Entscheidung. Dorsey und Glass sollen zusammen mit Biz Stone und dem Deutschen @Florian einen Prototyp entwickeln.

Die Version 0.1 ist am 21. März 2006 fertig. “#38″ lautet das erste Tweet, das Dom Sagolla verschickt.

Tweet Nr. 20

Tweet Nr. 20. Ältestes Tweet auf Twitter heute

Der Prototyp ist zunächst nur als Intranet-Schnittstelle konzipiert. “Friend-Stalker” soll es zunächst scherzhaft heißen. Inspiriert von Flickr macht dann “Twttr” (SMS Shortcode 89887) das Rennen. Twttr hat in den ersten vier Monaten, in denen das Projekt streng geheim gehalten wird, kaum mehr als 50 Nutzer.

Twttr

Quelle: Dom Sagolla auf Flickr

Ein Twictionary gibt es nicht. Begriffe wie “Friend” und “Follower”, “Posting” und “Message” wechseln wild durcheinander. Und am babylonischen “Twitterspeak” soll sich auch in den nächsten Jahren zunächst nicht viel ändern. Anfang April 2006, am Geburtstag von Ev Williams, erscheint dann die Beta-Version von Twttr.

Odeo kommt derweil immer mehr in Schwierigkeiten. Leute müssen das Unternehmen verlassen. Schließlich, am 13. Juli 2006, wird Twttr.com der Öffentlichkeit vorgestellt. Allerdings versteht den Nutzen von Twttr zunächst kaum jemand, erinnert sich Dom Sagolla rückblickend.

Eigentlich hatten Noah Glass und Jack Dorsey zunächst nur an einen lokalen Statusdienst gedacht. Mittlerweile haben die Leute von Odeo aber viel weiter reichende Visionen. Auch wenn sie damals noch nicht die Dimensionen erahnen können. Sie seien einfach ihrer Intuition gefolgt, wird Ev Williams im Februar 2009 erzählen. (Video)

Im September 2006 gründet die Odeo-Truppe ein zusätzliches Unternehmen. Obvious soll gewissermaßen der Brutkasten für Twttr sein. Als erstes wird aus  Twttr nun Twitter. Dann wird die Zeichenlänge der Statusmeldungen (“Tweets”) auf 140 Zeichen begrenzt, um auf keinen Fall die SMS-Länge von 160 Zeichen zu überschreiten. Im Februar 2007 twittert Jack Dorsey:

jack-dorsey

Der Startschuss für den Aufstieg von Twitter fällt im März 2007 auf dem South By Southwest Festival (SXSW).  Twitter präsentiert sich mit einer riesigen Twitterwall, kann sich gegen Dodgeball durchsetzen und gewinnt am 11. März den SXSW Web Award. Dorsey bedankt sich mit den Worten: „We’d like to thank you in 140 characters or less. And we just did!” Am 18. April 2007 gliederte Obvious Twitter als eigenständige Firma aus.

twitter-visitors-mai-2006-b

Im Mai 2007 werden rund 122.000 Besucher auf der Website von Twitter gezählt. Am 18. Juli 2007 gibt es bereits  340.000 Twitter-Accounts. Deren Zahl verdoppelt sich bis zum Ende des Jahres. Am 28. April 2008 wird die Millionengrenze erreicht. Techcrunch berichtet von 200.000 aktiven Nutzern pro Woche und 3 Millionen Tweets pro Tag im März 2008. Die Besucherzahl der Twitter-Website liegt bei 1,5 Millionen im April und 1,7 Millionen im Mai 2008.

Am 22. April 2008 startet die japanische Version von Twitter. Japanisch ist heute nach Englisch die am zweithäufigsten verwendete Sprache bei Twitter. Die Zahl der Accounts klettert nun innerhalb eines Jahres auf über 14 Millionen, die Zahl der Besucher auf 19,5 Millionen im April 2009.

Twitter Accounts 2008-2009

Quelle: Thomas Benkö/Benkösblog

Laut einer Nielsen-Untersuchung ist Twitter zwischen Februar 2008 und Februar 2009 um 1.382 Prozent gewachsen und damit die am schnellsten wachsende Plattform im Netz. Auch die Verweildauer der Besucher ist laut Nielsen zwischen April 2008 und April 2009 um 3.712 Prozent auf  etwa 5 Millionen Stunden im Monat gestiegen.

Andererseits stellt Nielsen fest, dass nur von 40 Prozent der US-Accounts nach einem Monat noch aktiv getwittert wird. Nach einem Jahr sind es gar nur noch 30 Prozent. Und eine aktuelle Harvard Business Studie zeigt, dass von nur 10 Prozent der Twitter-Accounts 90 Prozent aller Tweets gesendet werden. Bis November 2008 wurden eine Billion Tweets über Twitter versendet. Heute liegt die Zahl aller bislang versendeten Tweets bei über zwei Billionen.

Aber das sind nur Zahlen. Zahlen müssen interpretiert werden. Und jenen, die den Nutzen von Twitter bis heute nicht sehen wollen, erscheinen Zahlen der Masse eher verdächtig. Twittern sei lediglich “Bloggen für Arme” und Twitter die “Klowand des Internets”, kann man in der aktuellen ZEIT nachlesen.

Ein ganz anderes Fazit zieht Evan Williams, seit 2008 CEO von Twitter. Einen Vortrag über der Nutzen von Twitter schließt er im Februar 2009 mit den Worten: “Es scheint, dass wenn man den Leuten einfachere Möglichkeiten gibt, Informationen auszutauschen, dass mehr gute Dinge geschehen.” (Video)

P.S. Wie Twitter auf den Wal kam

Yiying Lu ist die Künstlerin hinter dem FailWhale, dem Markenzeichen von Twitter. Eigentlich hatte die Australierin den Wal für eine private, elektronische Geburtstagskarte entworfen, erzählt sie in einem Interview. Von Twitter hatte sie bis dahin noch nie etwas gehört. Sie nannte das Bild des von Vögeln an der Leine gehaltenen Wals “Lifting Up a Dreamer”, berichtet die New York Times.

Im Juli 2007 lädt Yiying Lu das Bild bei iStockphoto hoch. Dort entdeckt es Biz Stone ein knappes Jahr später, im Mai 2008. Noch bis Januar hatte eine “LOLCat” angezeigt, wenn Twitter unter dem Ansturm der damals mehr als eine Million Nutzer unterging (im Mai 2008 sogar einen ganzen Tag lang).

LOLCat Twitter

Quelle: John Swords auf Flickr

Nun taucht stattdessen nach jedem Untergang von Twitter  der Wal auf, der am 31. Mai 2008 seinen Namen erhält: FailWhale.  Die LOLCat sei zu “jokey” gewesen, meint Biz Stone. Zwischenzeitlich hatte er mit verschiedenen anderen Motiven herumexperimentiert.

In Sydney weiß Yiying Lu von all dem nichts, bis ein irischer FailWhale-Fan sie auf die neue Error-Seite von Twitter aufmerksam macht. Da ist der FailWhale bereits zum Markenzeichen von Twitter geworden. Seitdem hat der FailWhale Kultstatus erlangt – mit eigenem Fanclub und einer ganzen Palette von Fanartikeln.

Anmerkung 9. August 2009: Die Webevangelisten erzählen Twitters bisher kurze Geschichte in Bildern. Sehenswert!

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