Wer ins Internet hineinschreibt, erlebt so manch blaues Wunder. Darüber hatte ich gestern berichtet. Gestern abend rief mich Herr Sahm von haGalil an. Es tat ihm leid, mich ins antisemitische Lager einsortiert zu haben, nur weil ich über Antisemitismus berichtet und dafür antisemitische Kommentare geerntet hatte.
Der Journalist in Jerusalem war, wie viele andere auch, von den Kommentaren überrascht gewesen, was wiederum mich nun etwas überrascht hat. Und vor lauter Überraschung und angesichts der Tatsache, dass im Moment in Israel Dinge passieren, die sogar einen Eurovision Song Contest in den Schatten stellen, hatte Herr Sahm wenig Zeit und Nerv sich auch noch um den Überbringer der schlechten Botschaften zu kümmern. Macht nichts. Früher wurden die Überbringer schlechter Botschaften schließlich auch geköpft.
Mein “Fehler” sei es gewesen, sagte Herr Sahm, mich nicht vorneweg klar positioniert zu haben. Offensichtlich muss man inzwischen immer erst ein Bekenntnis zur Normalität und Selbstverständlichkeit ablegen. Ich finde es allerdings albern, mit Ich-bin-gegen-Nazis-Buttons und Antisemitismus-finde-ich-doof-Spruchbändern durch die Gegend zu rennen. Wer sich diesem Empörungsgetue verweigert, darf sich natürlich über den Schaden nicht wundern. Tue ich auch nicht.
Dafür setze ich Links. Das Verlinken ist ein großer Vorteil des Internets. Es erspart manch langwierige Erklärung und ermöglicht die ein oder andere Pointe. So weit die Theorie. Wie bei allen anderen Dingen, hat die Theorie mit der Praxis häufig wenig zu tun. So war es denn auch nicht verwunderlich, dass ich, nachdem NPD-BLOG.Info mich zitiert hatte, in der Nazi-Ecke landete. Denn wo NPD draufsteht, dachte sich ein umsichtiger E-Mail-Schreiber, da muss ja wohl auch NPD drinstecken …
Mit diesen ‘Pünktchen Pünktchen Pünktchen’ endete mein gestriges Posting. Holger Lischke nahm diese ‘Pünktchen Pünktchen Pünktchen’ auf und berichtet heute auf seinem Blog unter der Überschrift “1x Nazi und zurück. Danke Lena“. Und zwar in bester Absicht:
Dem ‘holg’ unterläuft schon am Anfang seines Beitrags der erste Fehler. Nicht den Kommunismus, sondern das Evangelium trage ich in meinem Namen: “Der Name Marx ist mit etwa 30.000 Namensträgern in Deutschland häufig, und es gibt ihn in etlichen Varianten: Marks (etwa 6.000 Mal), Marcks, Marxer und Merx. In den meisten Fällen geht der Name auf den Evangelisten Markus zurück.” Der Evangelist würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass auch ein NPD-Funktionär seinen Namen trägt – Peter Marx, NPD-Fraktionsgeschäftsführer in Mecklenburg-Vorpommern. So ziemlich das Gegenteil von Kommunismus.
Aber gut, mit dem Marxblog. habe ich sicherlich schon die Erwartungen vieler Blog-Leser bitter enttäuscht. Denn nicht überall, wo Marx draufsteht … Enttäuscht sind sicherlich auch viele Leser des NPD-BLOG.Info. Und hier passiert dem ‘holg’ nun der entscheidende Fauxpas, nämlich genau das zu wiederholen, was er mit harschen Worten kritisiert.
Ja, was für eine Eigendynamik. Dabei lag die Wahrheit nur ein Klick weit entfernt. Das angebliche “NPD-Blog”, nämlich NPD-BLOG.Info, ist ein Watchblog: eine Dokumentation über die NPD und menschenfeindliche Einstellungen.
Auf der Website heißt es: “NPD-BLOG.INFO ist ein nicht-kommerzielles Recherche- und Dokumentationsprojekt zu den Themen Rechtsextremismus, Neonazis, NPD sowie menschenfeindliche Einstellungen. NPD-BLOG.INFO bietet seit Ende 2005 eine kontinuierliche Berichterstattung über die völkische NPD und die rechtsextreme Bewegung in Deutschland und in Europa. Außerdem beobachtet und kommentiert NPD-BLOG.INFO die Berichterstattung zur NPD. Das Projekt ist unabhängig und unparteiisch.”
Wer ins Internet hineinschreibt, muss mit Internetüberfliegern, Lusern und DAUs rechnen. Haltet das Internet also ironiefrei, bekennt jede Selbstverständlichkeit vorneweg und erklärt nicht nur die Welt, sondern vor allem auch, wie man euren Text zu verstehen hat.
P.S. Apropos Leseanleitung: Holger Lischke ist im Übrigen ein Guter, und nichts liegt mir ferner, als sein Blog durch den Kakao zu ziehen. Zumal es in meiner Blogroll steht. Er hat’s denn auch sportlich genommen, wie sein Nachtrag zum Blogpost “1x Nazi und zurück. Danke Lena” zeigt:
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Siehe meinem Nachtrag/ Klarstellung. I’m sorry. Hab es tatsächlich geschafft…
“Gestern abend rief mich Herr Sahm von haGalil an. Es tat ihm leid, mich ins antisemitische Lager einsortiert zu haben…” – Es tat ihm aber offenbar nicht so sehr leid, dass er eine Richtigstellung gebracht hätte.