Bin ich Antisemit? Das könnte man meinen, wenn man den Artikel von Ulrich Sahm auf haGalil liest (Screenshot). Sahm bezieht sich auf ein Blogpost von mir, das seit Sonntag Nacht eine Art Eigenleben entwickelt hat.
Das zeigt schon die Zahl der Leser: 24.110 am Sonntag, 14.242 am Montag. Heute werden es wohl ‘nur’ noch 4.000 werden. Es geht wieder in Richtung Normalität. Im Schnitt habe ich 200, 300 Blog-Besucher am Tag. Auch die fast 2.100 Likes, 500 Retweets und zahlreichen Reaktionen anderer Blogs sind auf diesem eher doch ruhigen Querfeldein-Blog nicht gerade die Regel.
Dabei hatte ich eigentlich nicht mehr getan, als drei Screenshots zu posten: Motiviert durch einen antisemitischen Kommentar auf ZeitOnline, schaute ich auf Facebook und Twitter nach, ob aus dem ansonsten nicht weiter bemerkenswerten Umstand, beim Eurovision Song Contest keine Punkte von Israel erhalten zu haben, eine “jüdische Verschwörung” gebastelt würde. Und es wurde.
So ein bisschen Polemik konnte ich dann doch nicht zurückhalten. Die hat Ulrich Sahm dann wohl in den falschen Hals bekommen. Und jetzt bin ich auf haGalil der gute Hirte der Antisemiten. Die Reaktionen folgten via E-Mail prompt.
Die Gegenreaktionen folgten aber ebenso prompt, auf Twitter, in den Kommentaren zum Sahm-Artikel (hier, hier und hier) und auf dem h4Rk-Blog. Das soziale Netz funktioniert also doch.
Und auch die anderen 40.000 Blogpost-Leser konnten Sahms Lesart wohl nicht ganz folgen: Einige drohten mit Strafanzeige, weil sie sich durch mich (und nicht etwa durch ihre Bemerkungen) als Antisemiten gebrandmarkt sahen. Andere griffen tief in die Kiste des Nazivokabulars, das ich hier jetzt nicht wiedergeben will. Und es gab welche, die offenbar mit mir eine tiefere E-Mail-Feindschaft suchten. Zu Besuch war bisher noch keiner da.
In den Kommentaren schrieb sich mein Blogpost von alleine zu einem Lehrstück in Sachen Antisemitismus weiter. Das ganze Repertoire des Antisemitismus wurde bedient. Die Kommentare sprechen für sich (nur die allerhässlichsten habe ich dann doch gelöscht). Sie zeigen, dass “der Jude” im Kopf mit den Juden in Deutschland, Argentinien, Kanada … und ja, auch in Israel leben Juden (aber nur ein Drittel aller Juden weltweit, und nur Dreiviertel der Israelis sind Juden) … so gar nichts gemeinsam hat. Antisemitismus ist halt ein Kopfkrankheit.
Natürlich gab es auch viele Kommentatoren, die sich alle Mühe gaben, den im Geschichtsunterricht zu kurz Gekommenen und vom Ressentiment Beladenen Nachhilfe zu geben. Großartig (Achtung, Herr Sahm: Ironie!) fand ich, wie sich daraufhin Lena-gibt-Gas-Twitterer mit ‘jüdischem Humor’ herauszureden suchten. Da dem Antisemitismus nicht mit Argumenten beizukommen ist, griff ahoi polloi zum Mittel der Subversion (das Ihnen, Herr Sahm, jetzt zu erklären, würde zu weit führen, aber achten Sie mal auf den braunen Punkt):
Ganz verstanden habe ich das Erstaunen und die Aufregung um das Blogpost dann aber doch nicht. Es wird ja nicht nur zu irgendwelchen Sangeswettbewerben “der Jude” aus dem Hut gezaubert. In den sozialen Netzwerken ist ständig ein antisemitisches Rauschen zu vernehmen – mal mehr, mal weniger -, was natürlich schwer auszumachen ist, wenn man nur den Hakenkreuz- und Hakennasenantisemitismus als den wahren Antisemitismus gelten lässt.
Allerdings muss man nach dem auch nicht lange suchen: Der Twitteraccount patrioten_padoe verbreitet schon 13.900 Tweets lang ungestraft Judenhass, Mordaufrufe und Holocaustleugnung (Screenshot). Im übrigen ist das ein “linker” Account, was erstens zeigt, dass Antisemitismus keine Nazi-Domäne ist (unvergessen, wie Ulrike Meinhof 1972 die Ermordung israelischer Olympiasportler beklatscht hat), und zweitens andeutet, dass die Sache mit dem Antisemitismus irgendwie komplizierter sein muss (selbst die Nazis damals konnten sich nicht auf eine ‘Spielart’ des Antisemitismus einigen).
Entscheidender scheint mir aber der ganz normale, gern auch ‘latent’ genannte Alltagsantisemitismus zu sein, den Henryk M. Broder so beschreibt: “Sowohl Antisemitismus wie Alkoholismus sind relative Größen. Was für den einen ein Saufgelage, das ist für den anderen gerade ein kleiner Umtrunk.” Und weiter: “Kein Mensch, von weniger Ausnahmen abgesehen, ist den ganzen Tag über Antisemit. Einige sind es nur gleich nach dem Aufwachen, andere kurz vor dem Einschlafen.”
Aber zurück zu Herrn Sahm, dessentwegen ich überhaupt dieses Blogpost schreibe. Er steht mit seinem Hang zur Nichtrecherche und zum Missverstehen nicht alleine da. Heute wurde ich gefragt, ob ich in der rechten Ecke stehe. Der Pawlowschen Reaktionskette ‘Israel – Juden – Hitler’ folgend war das nur konsequent. Aber der E-Mail-Schreiber hatte ein eindeutiges Indiz gefunden: NPD-BLOG.Info hatte über mein Posting berichtet. Und wo NPD draufsteht, da muss ja wohl auch NPD drinstecken …
P.S. Hier geht’s zur Fortsetzung.
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Wer sich heutzutage so alles mit Che schmückt… unglaublich.
Hammer…
1. der Grund für deinen 1. Post zu dem Thema. Ich hab das gestern schon mit Fremdscham bei Twitter kommentiert und danke dir an dieser Stelle dafür. Klasse Beitrag!
2. der Grund für den heutigen Nachtrag. Zack und wieder wurde jmd von der NPD instrumentalisiert bzw. von einem Blogger der offensichtlich deinen Post nicht verstanden hat.
und 3. einfach hammer wie schnell sich das Internet doch verselbständigen kann. Aber scheinst ja heil aus der Nummer rausgekommen zu sein
http://youropenbook.org/?q=Juden&gender=any&x=0&y=0
ohne worte
Wo genau soll dieser Twitteraccount (http://twitter.com/patrioten_padoe) ein „linker“ Account sein? Der Avatar kann es ja nicht sein, das geschulte Auge erkennt sofort, dass es sich um stramme Nazis handelt.
könnt ich!
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil! Zu was regst Du Dich denn auf? Sahm hat nicht dich als Antisemiten bezeichnet, sondern lediglich auf die Reaktionen aufmerksam gemacht, die deine Satire ausgelöst hat und die waren ja, da sind wir uns wohl einig, durchaus erstaunlich bescheuert.
In sofern war das, was Sahm dazu schrieb, doch durchaus in Deinem Sinne.